Es war vor ca. zwei Wochen. Nach einem Tag voller Arbeit endlich zuhause angekommen und mich mitsamt meiner Tasche aufs Bett geworfen, sinnierte ich über das Sein. Das Existieren als solches, und den aktiven Part dessen – so es ihn gibt. Über Arbeit und Geld und Leben und kein Geld. Und Gefühle, kennste?! – So Empfindungen, die man manchmal eben zwangsläufig hat, in sich drin, nicht mal jetzt so für jemanden oder etwas, sondern einfach so. Da irgendwo zwischen Brust und Bauch, da müssen die stecken, glaube ich. Röntgen kannste da leider vergessen und den ganzen neumodischen MRT- und CT-Quatsch auch. Die herkömmlichen medizinischen bildgebenden Verfahren eigenen sich im Allgemeinen nicht zur Abbildung jener innerlicher Eindrücke, wie es den Eindruck macht. Man trägt das irgendwie in sich und manchmal kommt es raus, manchmal dann wieder nicht, manchmal sehr leidenschaftsverbunden, manchmal eher engagementslos. Es ist ein Graus mit den Gefühlen: Man kann sie einfach nicht beeinflussen, wenn es ganz dicke kommt, womöglich mitunter unterdrücken, aber weggehen tut’s irgendwie davon auch nicht. Aber selbst wenn man könnte: So ein Grundgefühl hat man ja immer, zumindest den Eindruck des Seins, den wird man wohl bis zum Tode nicht los. So denke ich mir das, so muss das sein, aber ich bin ja nun auch der einzige, in dessen Existenz ich einen tatsächlich vollständigen Einblick habe. Ich merkte schnell: ich muss darüber sprechen! Am besten willkürlich mit jedem und mit jedem Beliebigen, damit ich das verstehe, wie das funktioniert. Nun ist das ja auch nicht das Smalltalk-Thema Nummer 1, so: Ersetze “Hey, wie geht’s dir, coole Jacke” durch “Hey, wie geht’s dir und würdest du grundsätzlich auch sagen, dass du immer eine Grundempfindung in dir trägst, die dein Sein als solches beschreibt?” – das haut nicht hin. Es muss subtiler sein! Ich begann Gelegenheiten für ein solches Gespräch zu ersinnen. Gelegenheiten zu welchen ich gezielt einhaken könnte mit meinen Fragen. Am besten nicht mit dem besten Kumpel oder der besten Freundin sollte man das besprechen, sondern mit einer flüchtigen Bekanntschaft, bei der man sich zum einen den ersten Eindruck unbefangen zunichte machen kann und der folglich auch nichts mehr an ihrem ersten Eindruck liegt, sodass ein Klima der totalen Ehrlichkeit in totaler Flüchtigkeit entsteht. Zum anderen könnte Alkohol ein Türöffner für ein solches Gespräch sein, denn das macht ja bekanntlich einerseits ehrlicher, andererseits aber auch philosophisch genug, um mit mir eine solche Unterhaltung zu beginnen. Ich malte mir – basierend auf den genannten Erkenntnissen – drei Begegebenheiten aus, die ich seither schließlich in die Tat umsetzte…
Zwei Tage nach meiner Epiphanie auf dem Bett, es ist später Nachmittag, ich fahre Zug. In Zügen, und war mir vor Reiseantritt durchaus bewusst, da sitzt und steht ja nicht nur einer selber, sondern ziemlich viele andere auch. Aber noch viel besser: Da sitzt und steht ein Querschnitt, ein demographisches Mittel, da sitzt der Polizist neben dem Atomkraftgegner und der Banker steht neben dem Arbeitslosen. Hier würde ich eine Gelegenheit finden, ein Gespräch zu beginnen. Eine Zugfahrt scheint geradezu ideal zu sein, denn aufgrund der per se begrenzten Zeitdauer der zu knüpfenden Bekanntschaft ist selbige von vornherein im äußersten flüchtig. Ich setzte mich ins Fahrradabteil. Nirgendwo sonst im Schienenverkehr kannst du zehn Menschen gleichzeitig für eine gewisse Zeitspanne ins Gesicht sehen und ausgucken, wer dein Gesprächspartner wird. Da saß die Studentin, Mitte 20, leicht verfilztes Haar, ein Drahtesel aus besseren Zeiten, ein Beatles-Button an der Jeansjacke. Der Herr im Anzug, der wie ich gar kein Fahrrad bei sich hatte und der das Telefonat mit seiner Frau mit einem ganz leisen “ich dich auch” und einem leicht verschämtem Blick in die Runde beendete. Dann war da noch der Mann im karierten Hemd, das ordentlich in der beigefarbenen Hose steckte, mit den roten Socken, die zwischen Hose und Wildlederschuh herausblitzten. Ein Mittdreißiger, eher gebildet, schon irgendwie und irgendwo angekommen, aber keiner von den Bösen. – Den nehm ich! Mit dem will ich sprechen! Und ich tat’s: “Hallo, darf ich Ihnen mal eine Frage stellen?” Er antworte nett, nicht sonderlich laut, aber doch hörbar: “Klar.” – Super wenn das klar ist, dann konnte ich gleich loslegen: “Also, das klingt nun womöglich ein wenig absurd, aber ich möchte gerne etwas verstehen…” Ich erzählte die Geschichte, die mich auf die Überlegung brachte ihn anzusprechen und fragte final: “Haben Sie auch so einen Grundeindruck des Seins, den Sie immer empfinden?” Er sah mich an, und grinste. Aber tat er das meiner Idiotie oder meiner Genialität wegen? Er fragte, ob das nun mein ernst sei, ich bejahte. Ich hatte Glück, denn er nahm meine Frage tatsächlich auf und entgegnete: “Ja, das habe ich. Aber es ist schwer zu erklären. Es ist das Gefühl am Leben zu sein, das wahrscheinlich verschwindet, wenn man stirbt. Aber es hat noch eine Facette, die nicht nur die Existenz beschreibt, es ist das Gefühl ‘ich’ zu sein. Das Gefühl, welches meine Person von anderen abgrenzt und mich für mich definiert und identifiziert.” Wir sprachen eine Weile über dies und das und es stellte sich heraus, dass er tatsächlich Psychologe war. Ich freute mich und ärgerte mich zugleich, denn einerseits war dieser Mann in der Lage zu artikulieren, was er fühlte, andererseits aber hatte er ja auch geübt… Ich entschied mich das ganze nicht als Fehlschlag zu betrachten, denn, so wie er es mir erklärte, stimmte mein Gedankengang mit dem meisten anerkannten psychologischen Thesen überein. Und wenn es Untersuchungen gibt, die meine Annahme bestätigen, war das doch ein voller Erfolg.
Die zweite Begegebenheit ergab sich am Wochenende bei Tanz und Musik. Ich wusste, was ich vorhatte, vernachlässigte aber absichtlich jegliche Planung. Hier war Spontanität gefragt, hier musste der Schuss aus der Hüfte kommen, wie bei Clint und John Mittags um 12. Fröhlich gestimmt, in Weinlaune und mit meinem unvergleichlichen Esprit würde ich das schon machen. Der Abend lief, es wurde gelacht, es wurde getwistet und geshoutet. Kurz nach Mitternacht gab mein gefülltes Blasenorgan per Eilpost die Meldung in den Schädel, dass ein kurzfristiger Gesellschaftsaustritt vonnöten sei. Also tat ich, was verlangt wurde und ging auf’s Klo. Ich stand neben einem jungen Kerl, keine zwanzig, der beseelt von der breiten Getränkeauswahl dieser netten Spaßstätte sein kleines Geschäft verrichtete. Er trug ein weißes Hemd und ein Kettchen mit einem silbernen Anhänger am schwarzen Lederband. Mein Freund, dachte ich, würde er wahrscheinlich nicht werden, aber vielleicht war es genau jetzt dieser Typ, der mir meine Fragen beantworten konnte. Ich dachte, wenn ich jetzt zögere, verpasse ich womöglich so einiges, so wie er beim Urinieren schwankte. Ich bereitete mich innerlich auf das zu erwartende Sprachniveau und den anzunehmenden Pegel vor und setzte ein: “Alter, ich bin sooo voll, was geht?!” – Er freute sich einen Gleichsinnten gefunden zu haben und ich hatte den Fuß in der Tür: “Ja Mann, ich auch, wo kommsch her?” fragte er. Ich beschrieb meine Herkunft, diese ganze “von Nürnberg verschleppt worden”-Geschichte in zwei Sätzen und hakte ein: “Sag mal, denkst du auch manch mal so nach und denkst ‘Alter, das bin ich ja ich’. Also so zum Beispiel, wenn du betrunken vorm Spiegel stehst und irgendwie denkst du stehst daneben und siehst dich?” – Er lachte “klar, Mann!”. Wir gingen zum Händewaschen und sahen in den Spiegel. Ich rückte meine Locke zurecht, er hatte in dem Sinne keine Frisur und machte das nicht. Plötzlich wurde er still und zeigte mit dem Finger auf sein Spiegelbild. “Genauso wie jetzt, soooo geil!” stieß er aus. – Ja echt, es war so unglaublich geil. Er umarmte mich. Er behauptete, ich sei sein Bruder. Wir verließen die Toilette, gaben uns einen letzten “Tschack” und gingen als Freunde auseinander. Auch hier wurde meine Überlegung bestätigt: Jenes Gefühl, welches ich meinte, das schien es tatsächlich zu geben. Ich freute mich und stieß kräftig darauf an.
Gestern Abend machte ich mich auf zu meinem fast alltäglich gewordenen Streungang durch die dunklen Straßen dieses hässlichen Städtchens. Es lag in der Luft, die dritte Begebenheit könnte heute stattfinden. Ich packte mich warm ein und lief ein Stückchen, wie immer hinunter zum Fluss. Ich streunte, hörte Musik und war glücklich. Ich setzte mich auf eine Bank am Uferweg und beobachtete die Lichter am anderen Flussufer, die vorbeifahrenden Autos mit Xenon- und Glühbirnenlicht, das ein oder andere Blaulicht und hier und da eine Ampelschaltung von grün auf rot und wieder zurück, da wurde ich angesprochen. Ich nahm meinen Kopfhörer ab und hörte ein nettes “kann ich die Flasche haben?”. Da stand eine Frau vor mir, nicht gerade dünn, aber irgendwie hatte sie doch ein nettes Lächeln zwischen den Falten ihres Gesichts untergebracht. Sie war nicht ungepflegt, verfügte über jede Menge Zähne und roch nicht. “Selbstverständlich”, sagte ich und hakte sofort nach: “Wenn wir gerade kurz sprechen, darf ich Ihnen eine Frage stellen?”. Sie nickte und ich begann: “Wissen Sie, ich denke in letzter Zeit viel darüber nach, was es bedeutet zu existieren und wie es sich anfühlt zu existieren. Wie fühlt es sich für Sie an?” – Sie sah mich ungläubig an und schimpfte, was ich mir denken würde, natürlich ging es ihr schlecht, das würde ich doch sehen. Ich sah es, aber das war nicht, was ich meinte, ich wollte nicht über Befindlichkeiten reden, sondern über das Befinden selbst. Obwohl es mir fast leid tat, bohrte ich weiter: “Ich meine eigentlich so unabhängig davon, wie man sich fühlt, unabhängig davon, ob einem das Herz gebrochen wurde, oder ob es warm oder kalt ist, einfach so, das Gefühl zu existieren”. Sie motzte, das könne doch wirklich nicht wahr sein, also bot ich ihr an, dass sie, wenn sie mir kurz Bericht erstattete, meinen kompletten Karton PET-Flaschen von zuhause haben könne. Sie stimmte zu und fuhr in ruppigen Ton fort: “Ja, ich kenne das. Früher hatte ich es öfter. Es ist zuviel passiert, irgendwann vergisst man das, irgendwann verliert man das, wenn man nie zur Ruhe kommt, wenn immer etwas anderes ist.” – Ich fragte sie, ob sie ihre Identität noch kannte, ob sie noch manch mal darüber nachdachte, wer sie denn sei. Sie sprach enttäuscht von ihren beiden Ehen und davon, dass man niemals als “ganzer Mensch” ins Grab ginge, dass man immer da stehe, wo die Gesellschaft einen hindrückte und dass man sich nicht wehren könne. Ich wusste in dem Augenblick kaum noch etwas zu entgegnen, außer das Angebot, nächste Woche an gleicher Stelle zu sitzen und ihr zuzuhören. Sie lehnte dankend ab, fragte aber nach dem versprochenen Leergut. Wir gingen die paar Schritte zu meiner Wohnung, wo ich ihr den besagten Karton gern überließ. Auch hier hatte ich Recht behalten, aber so wohl war mir in diesem Kontext nicht zumute.
Nachdem ich nun mit drei Menschen gesprochen habe und von jedem, so unterschiedlich dessen Geschichte auch war, ein klares ja bezüglich meiner Fragestellung erhalten hatte, lässt sich heute feststellen, dass es wohl tatsächlich so zu sein scheint, dass es dieses Grundgefühl der Existenz gibt. Beim einen mehr, beim anderen weniger ausgeprägt. Beim einen überdeckt von traurigen Erlebnissen und einem langen Leben, beim anderen im Rauschzustand heraufeuphorisiert. Wichtig ist – so habe ich den Eindruck – es nicht zu vergessen, es womöglich mitunter absichtlich emporzuholen, sich daran zu erinnern, um sich selbst ab und an ganz nah zu sein. Und, um es noch mal schmalzig auszudrücken, nicht zu vergessen, wer man ist und wo man herkommt und wer der kleine Peter, Max, Alexander, Michi oder die kleine Petra, Maxi, Alexandra, Micha ist, der oder die da in einem steckt. In diesem Sinne: Eine tatsächlich besinnliche Weihnachtszeit, wünscht der toppe Pasch.